Smart Glasses polarisieren derzeit wie lange keine technische Innovation mehr. Die Brillen mit integrierter Kamera und Lautsprechern in den Bügeln scheinen einen Zeitgeist zu treffen. Einer aktuellen Studie des Branchenverbandes Bitkom zufolge zeigen sich 43 Prozent der Deutschen interessiert daran, Smart Glasses zu tragen, 15 Prozent hätten eine solche Brille bereits genutzt. Für etwas mehr als die Hälfte (52 Prozent) kommt das Tragen einer solchen Brille hingegen nicht in Frage.
Das liegt vor allem daran, dass die Brillen immer wieder dazu benutzt werden, um heimlich Aufnahmen zu erstellen und diese ungefragt online zu verbreiten. Diese Vorstellung ist der Studie zufolge den meisten Menschen unangenehm. So gaben 76 Prozent der Befragten an, nicht von anderen mit einer solchen Brille aufgenommen werden zu wollen. Unter den 16- bis 29-Jährigen waren es 71 Prozent, bei den Menschen ab 65 Jahren 79 Prozent. Männer störten sich mit 73 Prozent ähnlich häufig daran wie Frauen mit 78 Prozent.
Die gemeinnützige Organisation HateAid hat kürzlich bei der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) Strafanzeige gegen die Geschäftsführungen von Meta gestellt. Der hinter Facebook, Instagram und Whatsapp stehende Konzern gehört aktuell zu den führenden Anbietern von Smart Glasses. Nach Auffassung der Organisation verstoße Meta mit dem Verkauf seines Produktes gegen das Telekommunikation-Digitale-Dienste-Datenschutz-Gesetz (TDDDG). Dieses verbietet, Geräte zu vertreiben, „die als Alltagsgegenstand getarnt und dazu bestimmt sind, andere unbemerkt zu filmen oder abzuhören.“
Mit einer Petition möchte HateAid außerdem auf ein Vertriebsverbot für Smart Glasses hinwirken. Zumindest so lange, bis diese als missbrauchssicher gelten. Bei zukünftigen Modellen solle die Gewährleistung von „Safety by Design“ oberste Priorität haben. Das heißt, Smart Glasses sollten nur dann verkauft werden dürfen, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Modelle müssten als Smart Glasses erkennbar sein, etwa „durch eine farbliche Kennzeichnung der Kameras“ und auch nur wenn klare Grenzen für damit getätigte Aufnahmen gelten, ähnlich wie das bei Dash- oder Bodycams bereits der Fall sei. Auch eine konsequente Unterstützung von Betroffenen digitaler Gewalt, etwa bei Persönlichkeitsrechtsverletzungen im Internet, fordert die Organisation von der Politik.
Fachverbände und Forschungseinrichtungen haben unlängst Guidelines zum Umgang mit Smart Glasses veröffentlicht. Unter dem Stichwort „Tragen“ werden Nutzern von Smart Glasses folgende Tipps an die Hand gegeben: „Technologie erkunden; reale Welt im Blick behalten. Auswirkungen auf Andere mitdenken. Gewohnte Regeln übertragen. Eigenverantwortlich und souverän nutzen. Niemandes Rechte verletzen.“ Für Menschen, denen Smart Glasses im Alltag begegnen, lautet das dazugehörige Akronym „Sehen“: „Situation statt Gerät beurteilen. Eigene Grenzen und Rechte kennen. Hintergründe berücksichtigen. Erleben und verstehen, wenn es passt. Nuanciert einordnen.“